WILHELMINENSTRASSE
Eine Stadtvilla für den Stadtbaumeister und seine Bediensteten.
Ein Haus für die neuen Besitzer und eine Untermieterin.
Ein Umbau für die Nachkommen und ihre Großmutter.
Ein Zuhause mit vielen Anstrichen.
Und als hätte sich die Geschichte nicht schon oft genug wiederholt, standen auch am Anfang dieses Generationenwechsels weitreichende Änderungswünsche im Raum. Wünsche, die nach und nach der Vernunft und ebenso wirksamen (aber deutlich günstigeren) Umdeutungen gewichen sind: Der geplante Dachaufbau wurde vertagt, der Aufzug eingespart, weitreichende thermische Sanierungen nach gewissenhafter Überprüfung verworfen und raumteilende Möbel auf spätere Lebensphasen verschoben. Lediglich perspektivisch angelegte Leitungsstränge zeugen noch vom Temperament der ersten Planungssitzungen.
Es waren Änderungswünsche an eine Villa, die Wenzel König, Stadtbaumeister und Architekt, im Jahre 1905 für sich und seine Familie entworfen und gebaut hat. Am Fuße des Wilheminenbergs steht sie in direkter Nachbarschaft zu zwei weiteren Stadthäusern Königs aus dem selben Jahr und besticht durch eine selten gewordene Zurückhaltung. Zart abgestuften Grau- und Weisstöne heben die Fassadengliederung dezent hervor und bilden den Untergrund für farblich betonte Fassadenelementen. Dunkelgrün gestrichene Dachbalken, das Türkis der Haustür, ins blaue changierende Kellerfenster. Es sind mehrdeutige Farbgebungen, die teilweise auf den Ursprungszustand hinweisen, vielerorts aber auch über den Geit der Zeit sprechen, der sich in Form von zahlreichen Farbschichten und Anekdoten über das Haus gelegt hat.
Im Haus untergebracht sind zwei Wohnungen auf zwei Geschoßen, die über ein gemeinsames Stiegenhaus erschlossen werden. Sie blicken über eine großzügige Veranda auf den südlichen Garten, in dem der zukünftige Besitzer schon in seiner Kindheit viel Zeit verbracht hat.
In diesem Garten steht nun - auf drei Beinen und von der Ecke freigestellt - die größte Änderung am Haus: Ein Balkon aus Stahl, pulverbeschichtet in zwei Farben. Er bedient den Wunsch nach einer stärkeren Anbindung der Wohnungen an den Außenraum. Baurechtlich erforderliche Untergrabungen wurden dabei zu einem direkten Kellerzugang umgedeutet und in ausgewaschenem Beton an das bestehenden Traufenpflaster angebunden. Getragen wird der Balkon über drei exzentrisch angelegte Stützen und ein Dreieck bildende I-Träger. Diese statischen Elemente verweben sich mit den Staketen, dem Handlauf, den Speiern und der Balkonplatte.
Die auf dem Balkon verlegten Terrazzoplatten finden sich zudem in Küche, Bad und WC wieder.
In Ersterer wird das Parapet des Küchenfensters zum Horizont zwischen zwei Arbeitshöhen übersetzt. Die tiefere Ebene ermöglicht einerseits den jüngeren Bewohnern die Teilnahme am Geschehen und ist andererseits Basis für den mittig aufgesetzten Edelstahlblock mit integrierten Auszügen. Symmetrisch angelegt ist auch der umfangreiche Stauraum der Küche auf der vom Esszimmer abgewandten Seite. Lediglich zwei flankierende Verkleidungen auf den beiden Seiten des neu angelegten Durchbruchs zeugen von den voluminösen Tischlerarbeiten, deren feines Buchenholzfurnier erst auf den zweiten Blick unter der blaugrünen Beize zum Vorschein kommt.
Blau oder rot sind auch die Einbauten in Bad und WC. Sie kommen akzentuierend zum Einsatz - neben opulenten Kunststeinplatten und zurückhaltenden weißen Fliesen in unterschiedlichen Formaten.
In Summe sind es viele Arbeiten an der Oberfläche und wenige, gezielte Eingriffe struktureller Natur (Durchbrüche, versetzte Türen und Vermauerungen).
Korrekturen an einem Haus, die Wünschen eher gerecht werden als der Notwendigkeit.
Aneignungen der Räume durch eine weitere Generation.
Eine zusätzliche Farbschicht auf den Wänden eines beinahe unveränderlichen Hauses.
In Zusammenarbeit mit Habsburg Isele Architekten
Fotos: Simon Oberhofer